Wider die Pseudotheorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“

Wir dokumentieren an dieser Stelle einen Artikel aus dem Klassenstandpunkt #2.

Wider die Pseudotheorie über die Frau
als eine „minderwertige Natur“

Die Pseudotheorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ ist die Rechtfertigung für die doppelte Unterdrückung und Ausbeutung der Frau. Sie wurde und wird in allen Gesellschaften, die auf Ausbeutung basieren von den Ausbeutern verbreitet und sie ist heute ein wichtiger Aspekt bürgerlicher und kleinbürgerlicher Weltanschauungen. Die Pseudotheorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ ist Teil der unwissenschaftlichen These über die „menschliche Natur“. Beide gehen von einer unveränderlichen Natur, die unabhängig von den sozialen Verhältnissen besteht, aus. Das ist zutiefst reaktionär und basiert auf Idealismus. Bei der „menschlichen Natur“ wird unter anderem davon ausgegangen, dass Menschen schon immer, also von Natur aus, habgierig und machtgeil sind, so bietet sie die Basis für den Großteil der Argumente gegen den Kommunismus. Der sogenannten „weiblichen Natur“ wird zusätzlich eine besondere Minderwertigkeit zugeschrieben, um ihre „Unterlegenheit gegenüber dem Mann“ zu belegen und die Vormundschaft über sie zu legitimieren. Die sogenannte Theorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit oder der unterdrückten Nationen. Sie wird vom Imperialismus zwar verschleiert, aber die Situation der Frau und das Bild, das über sie herrscht wird im Imperialismus verschärft und immer reaktionärer. Ein sehr offensichtliches Beispiel ist das Bild von Frauen, das über die Medien reproduziert wird. In Sendungen wie „Germanys Next Topmodel“ wird jungen Mädchen weisgemacht durch Hungern und ein kokettes Auftreten stünden ihnen alle Türen offen. In der Werbung ist die Frau immer noch die gute Hausfrau und Mutter und das ist ihre hauptsächliche Aufgabe im Leben. Dazu kommen „neue wissenschaftliche“ Erkenntnisse die belegen sollen, dass es z.B. Unterschiede in der Anatomie von männlichen und weiblichen Gehirnen gäbe und diese Grund für die unterschiedlichen Fähigkeiten wie räumliches Denken und intuitives Handeln seien. „Die Untersuchung haben ergeben, dass männliche Gehirne offenbar für eine Kommunikation innerhalb der Hirnhälften optimiert sind. So besäßen zum Beispiel einzelne Unterbereiche des Gehirns viele Verknüpfungen mit ihren direkten Nachbarbereichen. Es gebe also mehr lokale Verbindungen mit kurzer Reichweite. Bei Frauen hingegen fanden die Forscher eine größere Zahl längerer Nervenverbindungen vor allem zwischen den beiden Gehirnhälften. Nur im Kleinhirn sei es genau andersherum gewesen: Dort gebe es bei den Männern viele Verbindungen zwischen den, bei Frauen aber innerhalb der beiden Hemisphären. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verstärkten sich im Laufe der Altersentwicklung, zeigte die Untersuchung weiter. […] In einer früheren Verhaltensstudie mit noch mehr Probanden hatten die Forscher festgestellt, dass Frauen sich besser Wörter und Gesichter merken können, aufmerksamer sind und ein besseres soziales Erkenntnisvermögen haben als Männer. Letztere wiederum könnten räumliche Informationen besser verarbeiten und schnitten in der Bewegungskoordination besser ab. Die beobachteten Unterschiede in der Hirnverknüpfung deckten sich mit diesen Verhaltensweisen, schreiben die Forscher.“ (SPIEGEL ONLINE – 03.12.2013, „Hirnforschung: Männer und Frauen sind unterschiedlich verdrahtet“)

Auch ökonomisch sind Frauen von den Ausdrücken dieser Pseudotheorie betroffen. Denn, wenn in einer Gesellschaft davon ausgegangen wird, dass Frauen weniger wert sind, dann muss auch ihre Arbeit weniger wert sein. Sie wird auf verschiedene Art und Weise genutzt um die schlechtere Bezahlung von Frauen zu rechtfertigen. Beispielsweise wird in dem Spiegel-Artikel „Gleichberechtigung Placebo-Politik“ (Spiegel 4/13, 21.01.2013) geschrieben Frauen würden eine „falsche Jobwahl“ treffen, da sie „freiwillig“ in die schlecht bezahlten typischen Frauenberufe gingen: „Viele Frauen studieren lieber Literatur als Ingenieurwesen, werden lieber Erzieherin als Facharbeiter.“

Man liest oder hört auch häufig Aussagen wie, es sei die natürliche Aufgabe von Frauen Kinder groß zu ziehen und alte oder kranke Menschen zu pflegen, deswegen müssten sie nicht besonders dafür entlohnt werden, wenn sie dass beruflich machen, oder, in Bezug auf die Karriere, Frauen hätten keine Lust auf Machtspiele und deswegen hätten sie weniger Aufstiegschancen.

Die „Frauenquote“ und ähnliche speziell für Frauen entwickelte „Unterstützungsmaßnahmen“ sind Beweis dafür, dass Frauen in Deutschland als minderwertig gelten und deswegen besondere Unterstützung bräuchten. Das zeigt auch ein Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 21. März 2013: „Der Soziologe Reinhard Bispinck vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu einem vernichtenden Urteil darüber, was in den Köpfen der Chefs vor sich geht. „Vorstellungen einer diffusen männlichen Höherwertigkeit“ prägten die Einstellungs- und Beförderungspraxis – was sich wiederum auf die Selbsteinschätzung der Frauen auswirke. Das ist das Fazit einer Studie über geschlechtsspezifische Lohndifferenzen, die er für das Bundesfamilienministerium angestellt hat. Auch ohne geringere Qualifikation oder Berufsunterbrechungen ist das Gehalt von Frauen bei gleicher Position oft niedriger. Bispinck sagt: „Frauen verdienen weniger, weil sie Frauen sind.““

Durch die Erziehung in und von der Gesellschaft, in der wir leben, ist diese Pseudotheorie tief in den Gedanken, Haltungen und Attitüden von Männern und Frauen verankert. Ihre Ausdrücke sind vielfältig und es gibt unzählige Beispiele dafür. Konkret sind Frauen in jedem Lebensbereich mit ihr konfrontiert. Es beginnt damit, dass davon ausgegangen wird, Frauen seien körperlich schwächer und könnten weniger tragen. Dem männlichen Geschlecht hingegen wird die Rationalität und Kampfgeist zugeschrieben, sie seien machthungrig, gewaltbereit, egoistisch. Frauen hingegen seien einfühlsam, kommunikativ, friedfertig. Gleichzeitig wird Frauen eine geistige oder mentale Unterlegenheit unterstellt. Diese Unterstellung und die daraus resultierende Erziehung führen unter anderem zu dem sogenannten Apolitismus von Frauen und sind Grund für die mangelhafte Politisierung, Mobilisierung und Organisierung von Frauen. Denn, wie gesagt, Frauen sind immer und überall mit den unterschiedlichsten Ausdrücken der Pseudotheorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ konfrontiert und auch unsere Reihen sind nicht „befreit“ davon. Die Folgen davon sehen wir in der Entwicklung des Klassenkampfes hier in Deutschland und v.a. an der marginalen Beteiligung von Frauen. Häufig übernehmen Frauen die „unterstützenden Aufgaben“ wie Kochen oder Putzen (vgl. bspw. Che Guevara in Der Partisanenkrieg: „Die Frauen können aber auch in den Einheiten der Partisanen mit anderen Aufgaben betraut werden, zum Beispiel mit der Zubereitung des Essens für die Kämpfer. Für einen Menschen, der das schwere Partisanenleben führt, ist es sehr angenehm, wenn er statt seines selbst zurechtgemachten Essens schmackhaft zubereitete Mahlzeiten bekommt. Die Frauen erledigen das Kochen und die vielseitigen anderen häuslichen Arbeiten mit großer Freude und sorgen damit auf ihre Weise dafür, dass auch in dieser Hinsicht in das Leben der Partisanen eine gewisse Ordnung kommt […]“). Wie häufig sieht man auf Demonstrationen Frauen in den ersten Reihen? Wie häufig sieht man Frauen im Kampf? Selbst am 8. März steht es um diese Sache nicht besonders gut. Auch in unseren Reihen taucht die Theorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ auf verschiedene Art und Weise auf und findet ihren Ausdruck, sowohl bei Genossen, als auch bei Genossinnen. Hinter dem sogenannten „Apolitismus bei Frauen“ steckt die Passivität, die Frauen anerzogen wird. Sie ist eine direkte Folge der sogenannten „minderwertigen weiblichen Natur“. Aber es gibt auch immer wieder die Annahmen, sowohl von Genossinnen als auch von Genossen, Genossinnen seien schwächer und sensibler, die Genossinnen bräuchten eine „besondere Behandlung“, mit Genossinnen solle man sanfter reden, man könne sie nicht hart kritisieren und sie verstünden die Sachen nicht so gut oder so schnell wie die Genossen. So kommt es dazu, dass die Genossinnen keine politische Arbeit machen, sondern eher dekorativ daneben sitzen.

Den Anspruch, sowohl an sich selbst, als auch durch andere, sich zu Revolutionärinnen zu entwickeln müssen sich die Genossinnen selbst erkämpfen. Es liegt hauptsächlich in der Verantwortlichkeit der Genossinnen als Frauen die Pseudotheorie über die Frau als eine „minderwertige Natur“ und jeglichen Ausdruck, jede Haltung und jede Tendenz, die mit ihr konvergiert aufs Härteste zu bekämpfen, in der Gesellschaft, in der wir leben, in der Organisation in der wir arbeiten, bei unseren Genossen und Genossinnen und in unseren eigenen Köpfen. Das heißt gegen den Apolitismus und die Passivität, die den Frauen anerzogen wurde, zu kämpfen, in unseren Reihen dafür zu kämpfen, dass wir mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten behandelt werden und Verantwortung zu übernehmen. Nur so können wir uns in Richtung von revolutionären Kämpferinnen entwickeln. Das ist, was wir tun müssen, wenn wir die Welt verändern wollen, wenn wir die Emanzipation der Frauen und der gesamten Menschheit wollen, müssen wir uns zu neuen Frauen entwickeln, müssen wir revolutionäre Kämpferinnen werden.

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